Die Karma Kagyüd Linie

Eine kurze Beschreibung durch den Ehrw. Khenchen Thrangu Rinpoche

Die Kagyüd Linie repräsentiert eine der vier Haupt-Traditionen des tibetischen Buddhismus. Sie ist allgemein als die Mahamudra (Großes Siegel) Linie bekannt. Sie wurde durch den Buddha Sakyamuni in seiner Samboghakaya Erscheinung (Freudenkörper)  als der Buddha Vajradhara (Skt.)  ins Leben gerufen und durch den indischen Mahasiddha Tilopa bis zum heutigen Tage durch eine ununterbrochene Linie von Gurus weitergeführt.

Der eigentliche Wahrheitskörper des Buddha ist Dharmakaya oder Formloser Wahrheitskörper. Seine Essenz ist Mitgefühl oder der Geist Buddhas. Ein gewöhnliches Wesen kann diesen Formlosen Wahrheitskörper (Dharmakaya) des Buddha nicht wahrnehmen. Aus großem Mitgefühl heraus erscheint der Buddha deshalb in anderen Formkörpern, bekannt als Sambhogakaya und Nirmanakaya. Samboghakaya kann nur von Wesen mit einem reinen Geist wie ihn große, verwirklichte Wesen haben, gesehen werden. Für gewöhnliche Wesen, wie wir es sind, hat der Buddha die Nirmanakaya Form offenbart. 

Dieser große Mahasiddha erhielt zahlreiche Unterweisungen von anderen Mahasiddhas aus ganz Indien. Durch eifrige Praxis erlangte er die Bhumi Verwirklichungs-Ebenen der Bodhisattvas, was ihm die Wahrnehmung der Sambhogakaya Form des Buddha Sakyamuni erlaubte. Vom Buddha selbst erhielt Tilopa tiefgründige Mahamudra Unterweisungen, und an diesem Punkt beginnt die Kagyüd Tradition und Übermittlung. Die Karma Kagyüd Linie kann als die "Nahe Linie" beschrieben werden, die dank des ununterbrochenen Segenstromes der Linienmeister, angefangen mit der Samboghakaya Form des Vajradhara, wirksamer ist.

Vom Siddha Tilopa wurde die Linie an Siddha Naropa weitergegeben. Naropa war der Abt der buddhistischen Nalanda Universität im Norden Indiens. Er hatte den Ruf einer gebildeten Person, eines großen Gelehrten und Pandita erlangt, als er zu erkennen begann, daß er die tiefe, innere Bedeutung des Dharma nicht verstand und den Drang fühlte, auf die Suche nach Tilopas Belehrungen zu gehen.

Eines Tages, als Naropa einige buddhistische Texte in seinem Zimmer las, erschien plötzlich ein Schatten von jemandem hinter ihm. Er schaute auf und sah eine alte Frau. Die alte Frau fragte Naropa, ob er die Worte, die er in seinem Buch las, wie auch deren Bedeutung verstand. 'Ich verstehe die Worte,' erwiderte Naropa. Hierauf war die alte Frau außer sich vor Freude, und sie lachte glücklich, sang und tanzte. Bei sich dachte Naropa, wenn die alte Frau so außer sich vor Freude war, als sie hörte, daß er die Worte verstand, sollte sie noch glücklicher sein, wenn er ihr sagte, daß er deren Bedeutung ebenso verstand. Als aber Naropa der alten Frau sagte, daß er die Bedeutung verstanden habe, brach die alte Frau in Tränen aus und weinte. Da fragte Naropa die alte Frau, warum sie denn geweint habe, als sie seine zweite Antwort hörte. Die alte Frau erwiderte: 'Du sagtest mir, du habest die Worte verstanden. Das machte mich überglücklich, weil du eine gebildete Person bist und ein großer Gelehrter und Pandita, aber als du sagtest, daß du die Bedeutung jener Worte verstanden hast, sagtest du nicht die Wahrheit. In Wirklichkeit hast du die Bedeutung dieser tiefgründigen Schriften überhaupt nicht verstanden.' Da fragte Naropa: 'Wer versteht die wahre Bedeutung des Dharma?' 'In Ostindien gibt es einen großen Mahasiddha namens Tilopa, der die Bedeutung des tiefgründigen Dharmas versteht', erwiderte die alte Frau. Als er den Namen Tilopas hörte, ergriff Naropa eine große Hingabe für jenen. Da dachte er, wenn er nur die Worte und nicht die Bedeutung verstände, hätte es keinen Sinn, weiter zu studieren. Das Wichtige war, die Bedeutung und die tiefgründige Essenz des Dharma zu verstehen. Daraufhin faßte Naropa einen Entschluß und gelobte, Tilopa zu suchen, um direkt von ihm Unterweisungen und Anleitungen zu erhalten.

Bald nach dem Gelöbnis gab Naropa seine Tätigkeit an der Nalanda Universität auf und machte sich auf die Suche nach Tilopa. Nach vielen Monaten und Jahren der Suche hatte er Tilopa noch immer nicht ausfindig machen können, obwohl Spuren und Äußerungen Tilopas überall auf seinem Weg zu finden und zu hören waren. Doch schließlich traf er Tilopa, von dem er die vollständige Mündliche Übertragung erhielt. Nachdem er alle Kernunterweisungen erhalten hatte, praktizierte Naropa mit makellosem Eifer und erlangte Verwirklichung. 

Tilopa sah hellsichtig voraus, daß das künftige, geeignete Gefäß, um die Linie zu erhalten, einer namens Marpa sein würde, ein zukünftiger Schüler Tilopas. Daher wies er Naropa an, alle seine Unterweisungen an Marpa zu übertragen. Tilopa prophezeite auch, daß unter Marpa die Kagyüd Linie zu großer Blüte gelangen würde. 

 Wie es Tilopa vorhergesagt hatte, fand Marpa bald darauf Naropa und erbat Unterweisungen von ihm. Marpa erhielt die vollständige Mündliche Übertragung und auch die Verantwortung des Linienhalters von Naropa. 

 Insgesamt ging Marpa Lotsawa drei mal nach Indien und sein Aufenthalt in Indien erstreckte sich auf zusammen 16 Jahre. Er brachte viele buddhistische Unterweisungen zurück nach Tibet und übersetzte sie später ins Tibetische. Marpa hatte viele Schüler, und unter ihnen gab es 4 Hauptschüler, wie es in einem seiner Träume angezeigt worden war. Sie wurden als die 4 Hauptstützen bezeichnet, da sie die 4 großen Schüler waren, die später seine Lehren verbreiteten, die in der Zukunft erblühten. Unter den vieren war Milarepa, der die vollständige Linienübertragung von seinem Meister, Marpa Lotsawa, erhielt. 

Als Milarepa den Namen Marpas, der der Schüler von Naropa war, zum ersten Mal hörte, wurde er mit großer Hingabe und Glauben erfüllt. Da machte Milarepa sich auf die Suche nach Marpa Lotsawa und fand schließlich Marpas Wohnort. Nachdem er Milarepa vielen Prüfungen und harter Arbeit unterzogen hatte, übertrug Marpa Milarepa die vollständigen Linien Unterweisungen. Marpa praktizierte eifrig und erreichte Verwirklichung. Nachdem er die Unterweisung der sechs Yoga des Naropa von Marpa erhalten hatte, konzentrierte sich Mila auf eine der Übungen, genannt der Yoga der Inneren Hitze (gTummo). Er hatte viele Schüler, die auch den Repa Titel trugen.

Nach Milarepa wurde die Karma Kagyüd Linie von Gampopa weitergeführt. Er ist einer der zwei Hauptschüler Milarepas, und diese beiden  sind wie der Mond (Rechungpa) und die Sonne (Gampopa). Milarepa, der große Sünden begang, bevor er auf dem Dharma-Pfad gelangte, praktizierte mit strengem Eifer und erreichte so die Erleuchtung. Er war ein großes Vorbild und ein menschliches Wesen, das die höchste Verwirklichung erlangte und bis zum heutigen Tage hochgeachtet ist. Der Unterschied zwischen Milarepa und Gampopa ist, daß der letztere eine Inkarnation des großen Bodhisattvas Jangchub Sempa Dhawey Shinu vom Berg Rajghir ist, dem Geier Gipfel, an dem Buddha Sakyamuni die Prajnaparamita Sutra lehrte. 

Heutzutage ist Rajghir eine schmutzige und arme Stadt, aber zu der Zeit, als der Buddha in dieser Gegend umherwanderte, war sie eine blühende, große Stadt, und der Buddha hielt dort seine Predigten. In der Stadt lebte ein Händler namens Dhawey Shinu, der sehr reich und mächtig war. Zur Gelegenheit eines Besuches des Buddhas bewirtete und bereitete er Essen als Opfergabe für den Buddha und dessen Gefolgschaft. Bald nach dem Mahl erbat Dhawey Shinu vom Buddha Dharma Unterweisungen. Also erteilte der Buddha die Do Tenzin Gyalpo Unterweisung (Die König des Samadhi Unterweisung). Viele Schüler wohnten der König des Samadhi Unterweisung bei. Vor den Schlußausführungen wandte sich der Buddha an die Menge. Der Buddha prophezeite, daß in der Zukunft diese König des Samadhi Unterweisung und Praxis von großem Nutzen für fühlende Wesen sein und viele zum Weg der Befreiung hinführen werde. Sie betont vor allem die Meditationspraxis. Dann bat der Buddha, daß jemand aus der Menge diese Lehre in der Zukunft  zum Gedeihen bringen, verbreiten und beschützen werde. Der Kaufmann Dhawey Shinu nahm die Verantwortung auf sich, diese Aufgabe in der Zukunft zu erfüllen und die Lehre unter sovielen fühlenden Wesen wie möglich  zu verbreiten. Da rief der Buddha Dhawey Shinu zu sich und legte seine Hand auf dessen Scheitel. So prophezeite er, daß Dhawey Shinu in der Zukunft an einem Ort in der Nähe des Brahmaputra Flußes wiedergeboren werde. Du wirst ein Gelehrter der Medizin sein und daher den Namen Dakpo Lharje (Doktor Dakpo) tragen, du wirst die Mahamudra-  und die König des Samadhi Lehre vereinen und den Dharma weithin verbreiten. 

Milarepa schenkte Gampopa auch einen Hut, der wie der Gampo Berg geformt war, dieser Hut ist heutzutage auch als der Gampopa Hut bekannt und wird gewöhnlich von Vajra Meistern während Zeremonien und Riten getragen. Gampopa erteilte seinen Schülern vor allem Unterweisungen zu Mahamudra und den 6 Yogas des Naropa.

Durch diese Schüler wiederum erblühten die Lehren, nachdem sie die höchsten Verwirklichungen erlangt hatten, und zn diesem Zeitpunkt entstanden viele verschiedene Nebenlinien der Kagyüd Tradition. Es gibt 4 Haupt- und 8 Nebenlinien, die entstanden, und viele bestehen noch heute. 

Einer von Gampopas hervorragendsten Hauptschülern, Khampa Özer, stammte aus der Kham Provinz. Er war unter dem Namen Düsum Khyenpa bekannt. Gampopa wies ihn an, in den Osten Tibets, nahe der tibetisch-chinesischen Grenze (heute Minyak)zu gehen, um in Klausur auf  einem Berg, umgeben von anderen, schneebedeckten Bergen zu meditieren. Gampopa prophezeite, daß Der Karmapa in zukünftigen Leben vielen fühlenden Wesen in Tibet zugute kommen werde, besonders jenen in den Provinzen U, Kham und Tsang.

Später wurde Karma Pakshi geboren, der verkündete der "Karmapa" zu sein, und von da an folgte die Serie seiner Reinkarnationen wie auch die seiner vollendeten Schüler, die Wiedergeburt nach Wiedergeburt nahmen, um die Karma Kagyüd Linie fortzusetzen.

Auf diese Weise war die Mündliche Übertragungslinie davor geschützt, zu vergehen. Diese einzigartige Lehrer-Schüler Übertragung wird bis auf den heutigen Tag mit dem Segen und unter der Führung des Gyalwa Karmapa, gegenwärtig Seine Heiligkeit Ogyen Thinley Dorje praktiziert.